Gut Fergitz – Kultureller Schmelztiegel mit Seeblick

Von Ilona Kálnoky und Ferdinand von Hohenzollern

Nur eine Autostunde von Berlin entfernt liegt Gut Fergitz am Ufer des Oberuckersees bei Gerswalde in der Uckermark. Architekt Ferdinand von Hohenzollern und die Künstlerin Ilona Kálnoky haben das Anwesen nach und nach renoviert und einen gelungenen Dreiklang aus geradlinigem Baustil, feinsinniger Ästhetik und wilder Natur geschaffen. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin zu stärken ist dem Paar ein Herzensanliegen, ein weiteres ist die Kunst: Gut Fergitz ist ein inspirierender Ort der kulturellen Begegnung. In der Parkscheune findet u.a. das UM-Festival für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur statt, in jeder Ferienwohnung stehen und hängen Werke namhafter Künstler.

© Ferdinand von Hohenzollern

Unbekanntes Paradies

Zur Jahrtausendwende war die Uckermark überregional noch wenig bekannt, sie galt vor allem den (Ost-) Berlinern als Refugium für Kunstschaffende, im Rest des Landes wurde sie eher mit Arbeitslosigkeit und Abwanderung verbunden. In den darauffolgenden 20 Jahren wurde der Blick durch eine uckermärkische Bundeskanzlerin und den Zuzug vieler Menschen aus dem Kreativbereich auf die schöne Region im Nordosten der Republik gelenkt. Viele der Zugezogenen haben wie wir ihren Lebensmittelpunkt in die Uckermark verlegt.

Hier haben wir 2001 unser Paradies gefunden: die einsame Uckermark war für uns als österreichische Künstlerin und südwestdeutschen Architekten völliges Neuland. Die Region erschloss sich uns erst, als wir für Bekannte ein Ferienhaus in der Nähe planten und bald auf Fergitz stießen, in dessen leerstehenden Gutshof am See wir uns sofort verliebten. Die seenreiche, hügelige Endmoränenlandschaft und einsame Weite der Uckermark, Scheunen und Kirchen aus grauem Granitfeldstein oder aus rotem Ziegel öffneten neue Sehgewohnheiten und Möglichkeiten. Für einen jungen Architekten, der in einem von Architekten überfluteten Berlin der 1990er Jahre arbeitete, erschloss sich ein neues Arbeitsfeld.

Oberhalb des verlockenden Oberuckersees lag das Grundstück, welches auf uns zu warten schien: drei riesige verlassene Feldsteinscheunen mit einem Melkerhaus, das zusammengestürzte ehemalige Verwalterhaus sowie zwei heruntergewohnte Siedlerhäuser aus der Nachkriegszeit – eine ideale Aufgabe für einen Architekten!

© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern

Urwald und Struktur

Zunächst mussten erst einmal die Altlasten der vormaligen LPG entsorgt und entsiegelt, der Urwald gebändigt und das Grundstück erschlossen werden. Die im englischen Somerset ansässigen Landschaftsarchitekten Kalnoky Wood Landscape Design erstellten uns ein Gartenkonzept aus Hecken und Obstbäumen, um dem offenen Gelände eine räumliche Struktur zu verleihen und es in private und öffentliche Bereiche zu gliedern.

Die Lage im Landschaftsschutzgebiet des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin ist für uns eine Verpflichtung, der wir sowohl baulich wie auch gesellschaftlich Rechnung tragen wollen, weshalb wir das Gut mit dem Einsatz von erneuerbaren Energien und nachhaltigen Baumaterialien geprägt haben.

Zunächst nahmen wir das frühere Melkerhaus in Angriff, welches wir wegen der Feldsteinfassade Steinhaus genannt haben. Wir brachen die engen Kammern auf und ließen den Innenraum sich in Breite und Höhe entfalten. Alte und neue Balken blieben sichtbar und es entstand eine Symbiose aus Alt und Neu, aus vertikalem und horizontalem Raum.
Die Nähe zum See inspirierten Ilona, keramische Fliesen in Fischform für Küche und Kaminbank herzustellen.

© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern
© Ferdinand von Hohenzollern

Alter Keller, neue Kuben

Das ehemalige Verwalterhaus oberhalb des Seeufers bildete die nächste Baustufe. Es war jedoch leider in sich zusammengefallen, so dass wir uns entscheiden mussten: bauen wir das Haus wieder auf oder schaffen wir etwas Neues? Der Feldsteinsockel mit dem Gewölbekeller konnte noch gerettet werden, aber die oberen Geschosse mussten abgetragen werden und eröffneten Freiraum für etwas Neues: Der Kellersockel wurde zur Basis für zwei neue Kuben, die darauf versetzt übereinandergestapelt wurden. Der Erdgeschosskubus erlaubt großzügige Blicke auf den See und lässt durch die umlaufende Terrasse Drinnen und Draußen verschwimmen.

© Ferdinand von Hohenzollern

Nachdem wir das Steinhaus bereits erfolgreich vermietet hatten und die Region immer attraktiver wurde, wollten wir weitere Ferienwohnungen schaffen. Die vorhandenen Siedlerhäuser waren wirtschaftlich nicht zu erhalten. So konnten wir zwei neue Häuser mit jeweils zwei Ferienwohnungen errichten und sie zum See ausrichten. Die Häuser sind L-förmig angeordnet und bilden mit der Scheunenruine eine Hofsituation.
Da das Landleben vielfach im Freien stattfindet, planten wir die Häuser eingeschossig und erlaubten damit einen Austritt aus allen Wohn- und Schlafräumen ins Freie und älteren Menschen, sich barrierefrei zu bewegen. Zugang, Bäder und Küchen sind zum Hof hin orientiert, so man sich dort gemeinschaftlich treffen oder auf die zum See und den Feldern hin gewandten Seiten zurückziehen kann.

In die flachen Baukörper wurden Kuben gesteckt, welche die Wohnzimmer mit größerer Raumhöhe enthalten und von Terrassen umrahmt sind. Die ortsüblichen Materialien Ziegel, Putz und Holz sowie Feldstein finden sich bei unseren neuen Häusern wieder und verbinden die kubischen Bauformen mit der Materialität des Dorfes.

© Bernd Borchardt
© Bernd Borchardt
© Bernd Borchardt
© Ferdinand von Hohenzollern

Kultur leben

Die mächtige Parkscheune dient der Künstlerin als Atelier und ermöglicht Workshops sowie kulturelle Veranstaltungen. In der nächsten Baustufe soll die zweite, am See gelegene Scheune ausgebaut werden und weitere Gästezimmer sowie einen mit einem Atelier verbundenen Seminarraum erhalten, da zunehmend Gruppen und Unternehmen aus der Stadt nach Räumen für Workshops auf dem Land fragen.
Dort wollen wir unseren Besuchern auch ermöglichen, sich intensiver mit ökologischen Themen zu beschäftigen. In einer Werkstattküche wollen wir Kochen mit Produkten aus der Region und dem eigenen Garten anbieten und mit Workshops im Atelier mit handwerklichen und haptischen Erlebnissen ergänzen. Damit hoffen wir, auch in der Region Interesse in Schulen, Unternehmen und bei Privatpersonen zu wecken. Die Ruine der Feldscheune soll schließlich Open-Air-Veranstaltungen einen attraktiven Rahmen bieten.

Über unsere Tätigkeiten als Künstlerin, Architekt und Vermieter von Ferienwohnungen hinaus wollen wir einen kulturellen Beitrag für die Region leisten, welcher Kunst, Musik und Literatur als verbindende Elemente mit Gesellschaft, Wirtschaft und Natur etabliert. Gemeinsam mit uckermärkischen Freunden aus dem kreativen Bereich haben wir 2007 das UM-Festival gegründet, welches wir alle zwei Jahre in Fergitz und den benachbarten Dörfern Pinnow und Gerswalde veranstalten.
Gut Fergitz ist ein Ort der Kunst und der Architektur geworden.

Ilona Kálnoky © Christian Kerber
Kunst/art: Sonja Alhäuser, Dennis Feddersen  © Csaba Szalay

Kunst/art: Sonja Alhäuser, Dennis Feddersen © Csaba Szalay

Ilona Kálnoky, F. von Hohenzollern © Simon Annand
Kunst/art: Dennis Feddersen © Csaba Szalay
© Simon Annand
Kunst/art: Johannes Buss © Ferdinand von Hohenzollern
Kunst/art: David Moises © Csaba Szalay
Musik/music: Blech Potzlow © Ferdinand von Hohenzollern

Nachhaltige Interaktion

Mittlerweile hat sich die Uckermark als beliebtes Naherholungsziel etabliert. Zunehmend werden Bauernhäuser, Scheunen und Herrenhäuser zu Ferienwohnungen und Seminarhäusern auf hohem architektonischem Niveau ausgebaut. Seit über 20 Jahren planen wir in der Region Um- und Neubauten, viele davon sind denkmalgeschützt. Neben dem Gut Fergitz sind der Gutshof Fredenwalde und das Ferienhaus St. Unterholz in Kraatz bei URLAUBSARCHITEKTUR zu finden.

Die Region hat uns in den vergangenen Jahren sehr geprägt und uns zu Uckermärkern werden lassen. Wir beschäftigen uns zunehmend mit dem Leben im Biosphärenreservat und der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Land, haben Netzwerke aufgebaut und nehmen nachhaltige Konzepte in unseren Betrieb auf. Mit unseren Kollegen in der Touristik pflegen wir regelmäßigen Austausch, besonders mit den UA-Partnern der Region.
Wir wollen die regionalen Kräfte stärken und einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen und lebenswerten Region zwischen Berlin und Stettin leisten.

© Ferdinand von Hohenzollern

Ilona Kálnoky und Ferdinand von Hohenzollern, März 2021

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Gut Fergitz

3Kommentare

  1. Das ist wunderschön, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin muss ich mal einen Abstecher in diese Gegend machen; wir renovieren zur Zeit einen Bauernhof in den italienischen Marken und können uns vorstellen wie anspruchsvoll Euer Projekt war..Congratulations! Grüße aus Pullach, Hansjörg Schütz und Familie
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