Casa Modesta – Ode an Joaquim

Von Britta Krämer

Portugal hat sieben Wunder. Der Naturpark Ria Formosa an der Algarve ist eines davon und macht diesem Namen alle Ehre. Eine beeindruckende Landschaft, die von einer Vielzahl von Lagunen und einer mannigfachen Flora und Fauna geprägt ist. Wind, Strömungen und Gezeiten verändern unentwegt das Gesicht dieser Lagunenlandschaft und wer sich die Zeit nimmt, still zu beobachten, wird Zeuge von einem unvergleichlichen Naturspektakel.
Mitten in diesem Wunder liegt ein schlichtes, weißes Haus. Ruhig und andächtig blickt es auf Watt, Sandbänke, Salinen und auf die Vergangenheit einer Familie, deren Geschichte und Lebensart an diesem Ort verankert ist, die hier erinnert und achtsam weitergesponnen wird.

Photo by João Carmo Simões
Photo by João Carmo Simões

Photo by João Carmo Simões
Photo by João Carmo Simões
Photo by João Carmo Simões

Die Casa Modesta ist ein Landhotel mit neun Gästezimmern, privaten Patios mit Hängematte, Dachterrassen mit weiten Horizonten, Feigen- und Mandelbäumen, Bio-Gemüsegarten und Pool mit Sonnendeck. An der langen Tafel im Esszimmer wird gemeinsam gegessen, was Großmutter Carminda aus den Töpfen zaubert. Das schlichte Interieur der Räume lenkt den Blick auf wenige, stimmig platzierte Elemente lokaler Handwerkstradition und auf das Wechselspiel von Licht und Schatten, Innen und Außen. Dadurch bleibt genug Raum für das, was die Casa Modesta so einzigartig macht: die Atmosphäre des Hauses als stimmige Synthese von puristischer Architektur und familiärer Herzlichkeit.

Photo by Angela Zacarias
Photo by Angela Zacarias
Photo by Angela Zacarias
Photo by Angela Zacarias
Photo by Angela Zacarias
Photo by Angela Zacarias
Die 4 Generationen der Familie – Photo by Angela Zacarias

Der Ort ist durchdrungen vom Freigeist eines Mannes, dessen Originalität und Familiensinn das Fundament der Casa Modesta bildet. Und so ist das Haus die ganz persönliche Liebeserklärung der Enkelkinder Carlos und Vânia Brito Fernandes, respektive Gastgeber und Architektin, an ihren „Grandpa“. In unserem Interview hat Carlos eine Zeitreise zurück in seine Kindheit gemacht:

„Unser Großvater Joaquim Modesto de Brito wurde 1931 geboren und starb im Jahr 2000. Er war Fischer und wurde von seinen Freunden “O Campeão”, genannt. Für uns ist er der Urvater des Projektes der Casa Modesta, denn das Haus ist voller Erinnerungen an ihn, unseren ersten Lehrmeister und Champion des Meeres.

Joaquim war ein besonderer Mensch. Er hatte eine harte Kindheit, meine Urgroßeltern waren sehr streng und er durfte fast nie mit seinen Freunden spielen…Dann heiratete er meine Großmutter Carminda und beschloss, alles Land das er besaß, die Autos, das Haus und sein gesamtes Leben in einen einzigen bunten Spielplatz zu verwandeln, um sich frei zu fühlen. Und so begann er, den Garten zu dekorieren: mit Betonwegen, die von kleinen Felsen gesäumt waren, mit kleinen Teichen, deren Mitte recycelte Objekte schmückten, die Bäume waren mit seiner Sammlung von bunten Glasflaschen dekoriert. Mein Großvater hatte drei VW-Käfer in seinen Lieblingsfarben gelb, blau und rot. Jedes Jahr im Juni machte die ganze Familie eine Küstentour zwischen der Casa Modesta und Minho, mit den Autos, die dekoriert waren wie ein Weihnachtsbaum – mit Aufklebern, Puppen und allerlei Objekten – und auf dem Dach die Koffer der ganzen Familie. Manchmal fuhren wir damit auch über die Grenze bis nach Spanien.

Auf einem Stück Land in der Lagune hatte Großvater ein Holzhaus auf Stelzen gebaut. Wenn die Flut kam, stand es mitten im Wasser. Dann kamen Freunde und Familienmitglieder zusammen, brachten frischen Fisch mit und erzählten sich stundenlang Geschichten über das Meer – bis die Flut wieder abebbte. Großvater hatte ein Skizzenbuch, in welchem er Tag für Tag die Wetterverhältnisse vermerkte und seine Entwurfszeichnungen zu den Booten kritzelte, die er für sich und seine Freunde baute. Er hörte den ganzen Tag Radio und hatte eines mit großen Lautsprechern auf dem Dach des Hauses angebracht, damit seine Fischerfreunde Musik und Nachrichten hören konnten, während sie in der Lagune fischten. Ich liebte dieses Haus und habe wunderbare Erinnerungen an die Momente, die wir dort gemeinsam verbrachten.“

Joaquim Modesto de Brito


Das alte Familienhaus – gezeichnet von Joaquim
Joaquims Bootsskizzen

Das alte Familiehaus aus den 40er-Jahren, der Vorgängerbau der Casa Modesta, bestand aus zwei Gebäuden und wurde 2013 von Grund auf neu gebaut, nur einige Grundmauern blieben bestehen. Oberste Prämisse war hierbei, das Raumvolumen, die Raumproportionen sowie alle Elemente des alten Hauses beizubehalten: die Freitreppe, die flachen Dachterrassen, die Zisterne, die überdachten Patios und den Holzofen.
Vânia Brito Fernandes, Mitbegründerin von PAr – Plataforma de Arquitectura – hat mit der Casa Modesta den Prototyp eines Haustypus entworfen, der die alte Architekturtradition der Algarve in eine zeitgenössische Sprache übersetzt: die CASA CHÃ ®. Ein Haustypus, der das architektonische Erbe der Region modern durchdekliniert, aber dem traditionellen Bauwissen und lokalen Materialien treu bleibt und der die Erinnerung als architektonische Disziplin mit in den Entstehungsprozess integriert.

Der alte Familiensitz – der Vorgängerbau der Casa Modesta

Das soziale und wirtschaftliche Netzwerk der Nachbarschaft spielte für die Bauherren eine tragende Rolle, die Kontextbezogenheit von Architektur wurde im Fall der Casa Modesta zu einer beispielhaften Nachbarschaftsinitiative: Lange vor Baubeginn wurden die betagten Bewohner dieser suggestiven Lagunenlandschaft – Fischer, Friseure, Bauern, allesamt alte Freunde des “O Campeão” – mit in den Entstehungsprozess der Casa Modesta einbezogen. Gentes de Quatrim, Leute aus dem Viertel, heißt das von João Mascarenhas in ausdruckstarken Fotos festgehaltene Projekt nachbarschaftlicher Partizipation.

„Gente de Quatrim“ by João Mascarenhas Photography
„Gente de Quatrim“ by João Mascarenhas Photography
„Gente de Quatrim“ by João Mascarenhas Photography
„Gente de Quatrim“ by João Mascarenhas Photography
„Gente de Quatrim“ by João Mascarenhas Photography

Wer in der Casa Modesta Urlaub macht, erlebt ein Haus, das es vermag, seine Geschichte zu erzählen, ohne große Worte zu verlieren. Und genau diese leise, unprätentiöse Art ist von betörender Wirkung. „Unsere Türe steht immer offen, um die Menschen, die hier ankommen, mit derselben Freude willkommen zu heißen, mit der wir in die offenen Arme unserer Großeltern gelaufen sind, als wir klein waren.“ Die Geschichte der Casa Modesta handelt von großartiger Architektur und feinsinniger Ästhetik, von lokaler Kultur und Tradition, von innigen Familienbanden und von glücklichen Kindheitserinnerungen. Und vom vielleicht eindrucksvollsten Sonnenaufgang der Algarve. Auf den Punkt gebracht, ist die Casa Modesta vor allem zweierlei: Eine Liebesgeschichte. Und ein weiteres kleines Wunder des Ria Formosa.


Text: Britta Krämer, April 2017

Bildrechte aller Familienbilder und Zeichnungen: Carlos Fernandes, Joaquim Modesto de Brito | Bilder der Casa Modesta: Carlos Fernandes/Casa Modesta, Angela Zacarias, João Carmo Simões | Bildrechte „Gente de Quatrim“: João Mascarenhas Photography

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