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Mate­ri­al­for­scherin für die Zukunft der Archi­tektur: Prof. Helga Blocksdorf

Um künftig ressourcenschonend und klimagerecht bauen zu können, ist die Synthese aus praktischer Erfahrung, Grundlagenforschung und Lehre unverzichtbar. Die seismische Stelle dafür: Baukonstruktion.

von Ulrich Stefan Knoll & Britta Krämer im Juli 2026

 Mate­ri­al­for­scherin für die Zukunft der Archi­tektur: Prof. Helga Blocksdorf in  /

Schön, dass es klappt, Frau Prof. Blocksdorf – wo erreichen wir Sie gerade?

Aktuell in der Mit­tags­pause an der TU Braun­schweig, wo ich seit 2021 das Institut für Bau­kon­struktion leite und mit meinem Team dazu forsche und lehre.

Das ist eine tolle Chance und auch eine Pflicht, sich einer­seits in der Lehre, also im Diskurs, aus­ein­an­der­zu­setzen, aber eben auch über die For­schung etwas selber bei­zu­tragen – zum Bei­spiel zum Thema des kon­struk­tiven Unge­horsams.

“Kon­struk­tiver Unge­horsam” klingt spannend. Was dürfen wir uns dar­unter vor­stellen?

Wir können heut­zutage nicht mehr wie zu den Zeiten unserer Groß­väter und Groß­mütter einen 1:100-Plan auf die Bau­stelle geben und der Maurer weiß dann schon, was er machen muss. Wir sind mitt­ler­weile umzingelt von Normen und Anfor­de­rungen und die Schwie­rigkeit besteht darin, diese deckungs­gleich oder über­la­ge­rungs­gleich zu bekommen und zugleich ein sehr gutes Raum­konzept zu ent­werfen, ohne kom­plett gegen Res­sour­cen­ziele zu agieren.

Unsere Arbeit besteht darin, Bau­kultur aus den ver­tret­baren Bau­stoffen her­aus­zu­holen. Das schaffen wir natürlich nicht allein. Daher geht es auch darum Expe­ri­mente ein­zu­sammeln und zu bündeln. Deshalb gab es gleich zum Auftakt meiner Pro­fessur eine große inter­na­tionale Kon­ferenz mit Mat­thias Bal­lestrem, der inzwi­schen an der TU Dortmund ist und Katharina Ben­jamin aus meinem Team, die sich der Frage widmete, wie wir mit kon­struk­tiven Expe­ri­menten zum Thema der Trans­for­mation des Bauens etwas bei­tragen können.

Dazu ist eine Kon­fe­renz­pu­bli­kation im Birk­häuser Verlag erschienen, die aller­dings auf­grund der großen Nach­frage und der kleinen Auflage mitt­ler­weile nur noch als E‑Book erhältlich ist.

Das alles ist ent­standen aus dem Wett­bewerb für das Erleb­ni­sportal in Weimar, den wir mit dem Büro gewonnen haben. Dort sollte an einem hoch­tou­ris­tisch fre­quen­tierten Ort ein tem­po­rärer Pavillon ent­stehen, der über die tou­ris­ti­schen Ziele Thü­ringens infor­miert. Da die Aus­lobung einen expe­ri­men­tellen Bau erlaubte, haben wir Bir­ken­rinde als Fas­sa­den­ma­terial vor­ge­schlagen. Das tat­sächlich zu bauen war ein ziem­licher Kraftakt und hat auch nur geklappt, weil die Bauherr:innen voll mit­ge­zogen haben – trotz aller Beden­ken­schreiben, die ich auf dem Tisch hatte.

Da braucht es schon eine gewisse Wider­stän­digkeit. Wobei das gar nicht trotzig gemeint ist, vielmehr möchte man die Kolleg:innen moti­vieren, beharrlich Qua­li­täten her­aus­zu­ar­beiten und dennoch ver­tretbar zu bauen, was natürlich immer eine Grat­wan­derung ist. Und dafür brauchen wir unbe­dingt die Uni­ver­sität. Einer­seits, um auch rand­stän­digere Themen zu befor­schen, um eine Arten­vielfalt der Kon­zep­tionen ein­zu­bringen und gleich­zeitig, um über­haupt den Diskurs darüber ins Leben zu bringen.

Beharr­lichkeit braucht es auch, was die Zeit­läufe angeht. Die Pro­fessur habe ich 2021 ange­treten, in dem Jahr ist auch der Pavillon fertig geworden. Und erst jetzt, nach fünf Jahren Vor­arbeit, haben wir von Zukunft Bau den Zuschlag bekommen, das Material für foli­en­freie Grün­dächer unter­suchen zu können.

Natürlich kann man Bir­ken­rinde auch jetzt schon guten Gewissens ver­bauen, aber man befindet sich außerhalb des bestehenden Rechts­rahmens. Das heißt, es geht aktuell nur im pri­vaten Bereich und auch nur mit ganz viel gutem Willen der Bau­herr­schaften. Wenn wir das Material in den Kanon der bau­baren Bau­stoffe bekommen wollen, braucht es die For­schung, die die Grund­lagen ermittelt, z.B. für die Anwendung des foli­en­freien Gründachs.

Es war also das eine diesen tem­po­rären Bau zu errichten und das andere ist es jetzt, 
diesen Bau­stoff wirklich auch für andere zugänglich zu machen.

Wie wird die Fassade des Kul­tur­portals von der Öffent­lichkeit wahr­ge­nommen und wie verhält sich das Material über die Jahre?

Mich erreichen immer wieder Nach­richten von Kolleg:innen und Freund:innen, die mir von vor Ort ein Foto schicken und ihre Ein­drücke schildern. Oft höre ich neben der Begeis­terung den Hinweis, dass das Material gut gealtert ist. Oder dass es sich anders anfühlt als man anhand der Fotos gedacht hätte – rauer.

Vor Ort pola­ri­siert das Projekt nach wie vor – es gibt Ein­hei­mische, die es sehr mögen und welche, die sich eher daran stören. Teil­weise wird der Umgang mit dem Denkmal in der Puf­ferzone des Welt­erbes nach wie vor kri­tisch gesehen.

Wir alle im Büro mögen das Projekt nach wie vor sehr, und die Bir­ken­rinde verhält sich unpro­ble­ma­tisch. Es gibt lediglich eine Fläche, die jetzt mal getauscht werden muss. Bir­ken­rinde oder besser der Bir­kenkork sitzt auf Spannung am Baum und rollt sich auf, wenn er abgelöst wird. Da hat es einen Riss gegeben. Aber ansonsten gab es bislang kei­nerlei Schwie­rig­keiten, auch nicht auf der stadt­zu­ge­wandten Seite, auf der die Rinde über fünf bis sechs Meter Höhe auf­ge­bracht wurde.

In Groß­städten würde man viel­leicht mit Van­da­lismus oder Graffiti rechnen, aber derlei ist hier bislang nicht vor­ge­kommen.

Da die Bau­her­ren­schaft eben­falls sehr zufrieden ist, bin ich gebeten worden, die tem­poräre Standzeit von fünf Jahren zu ver­längern. Sie läuft ja dieses Jahr ab.

Da man dazu wieder die volle Unter­stützung der thü­rin­gi­schen Landesbeamt:innen braucht, kann ich aller­dings noch nicht absehen, ob das klappt. Wir hoffen aber sehr, dass es funk­tio­nieren kann, weil da natürlich auch EU-Gelder verbaut wurden. Und wenn man das jetzt nach fünf Jahren abbauen müsste, fände ich das vom Ener­gie­einsatz her einfach frag­würdig. Kon­struktiv gesehen hält das meiner Ein­schätzung nach min­destens noch 60 Jahre.

Bitu­men­bahnen oder andere kon­ven­tio­nelle Mate­rialien gehören also mit­tel­fristig der Ver­gan­genheit an?

Ich denke, es ist gar nicht das Ziel, die Bitu­menbahn zu ersetzen, sondern eher den Kanon der kon­struk­tiven Mög­lich­keiten zu erweitern.

Wenn ich einen Schuppen baue, in dem ich nur gehacktes Holz­lager lagere, dann brauche ich kein Faser­zement- Blechdach, sondern kann ein Gras­so­dendach und dar­unter mehr­lagig Bir­ken­rinde auf­bringen, ohne mir Gedanken über das Dif­fu­si­ons­ver­halten machen zu müssen. Wir wissen einfach aus der His­torie, dass das funk­tio­niert.
Aber um das in die Aner­kennung zu bringen, müssen wir natürlich her­aus­finden, ob die Bir­ken­rinde dif­fu­si­ons­offen oder ‑geschlossen ist (Sd-Wert). Dieses Wissen liegt bislang so nicht in struk­tu­rierter Form vor.

Und deshalb ist diese inge­nieurs­tech­nische For­schung, die man an den tech­ni­schen Uni­ver­si­täten sehr gut umsetzen kann, wesentlich. Wenn diese For­schung von Architekt:innen ange­leitet wird, gilt es zudem, ästhe­tische Fragen zu ver­handeln. Denn das ästhe­tische Expe­riment und das kon­struktive Wissen gehören meiner Ansicht nach zusammen, wenn es um die bau­kul­tu­relle Aus­prägung geht.

Ver­stehen Bauherr:innen heut­zutage über­haupt noch die Kom­ple­xität eines Ent­wurfes, die sich aus den diversen Normen und Regeln ergibt?

Man muss nicht stu­diert haben, um seitens Bau­her­ren­schaft in den Diskurs zu gehen. Das darf gerne intuitiv geschehen, denn: Jede/r hat schließlich schon einmal gewohnt, oder in einer kom­plett abge­dich­teten Fassade mit Kunst­stoff­fenstern schlecht geschlafen… alles Erfah­rungs­werte, die in der Dis­kussion und bei der Suche nach Lösungen ihre Berech­tigung haben und wei­ter­helfen.

Was uns an Ihren Arbeiten fas­zi­niert, ist die starke Präsenz von Mate­ria­lität und die Qua­lität der Insze­nierung in gleich­zeitig auf das Wesent­liche redu­zierten Räumen, wie etwa im Studio Uckermark. Woher kommt das?

Uns inter­es­sieren im Büro die Abhän­gig­keiten aus kon­struk­tiver Ver­fasstheit und Aus­druck, das heißt die Pri­mär­kon­struktion darf durchaus spürbar sein. Wir gehen also von der Sub­stanz aus, weniger aus einer innen­ar­chi­tek­to­ni­schen Betrachtung. Viel­leicht auch aus dem Manko heraus, dass ich Innen­ar­chi­tektur als Thema noch nicht so richtig fassen kann. Für mich muss das Ergebnis eine Sin­fonie sein, die keine Note zu viel enthält.

Eine wichtige Rolle spielt auch der Weg des Büros, der sich in den letzten 12 Jahren nur sehr langsam von kleinen Pro­jekten hin zu mitt­leren Pro­jekt­größen ent­wi­ckelt hat. Das heißt, dass wir eigentlich fast immer so wenig Budget zur Ver­fügung hatten, dass wir es uns gar nicht leisten konnten, uns über mehr­fache Layer Gedanken zu machen. Dazu kommt, dass es mir per­sönlich einfach angenehm ist, mich mit Dingen zu umgeben, die es braucht und alles andere weg­zu­lassen.

Das gelingt sehr gut, finden wir. Viele Ihrer Pro­jekte strahlen eine fast zen­hafte Atmo­sphäre aus – klar, redu­ziert, aber nicht kalt.

Inter­essant, dass sie den Zen-Moment erwähnen – das war quasi das Kern­thema meiner Dis­ser­tation. Also die Frage: Wie mache ich das eigentlich, was ist meine per­sön­liche Ent­wurfs­me­thode? Oft geht es um eine ganz ein­fache Idee, wie etwa bei dem Fenster im Studio Uckermark und der Insze­nierung des Aus­blickes.

Das ist natürlich auch eine Zeit­um­kehrung: Früher hat man sich gegen die Land­schaft und die Wit­terung auf so einem Vier­seithof abge­grenzt. Heute haben wir die Mittel, dies umzu­kehren, auch ohne großes Budget. Mir geht es darum, zu ver­stehen, wo diese Öffnung sein muss, damit sie einen insze­na­to­ri­schen Cha­rakter bekommt. Also exakt gegenüber des großen Stalltors – in genau der gleichen Größe. Denn es geht nicht um maximal mög­liche bau­liche Größe, sondern um die Ver­hält­nis­mä­ßigkeit vor Ort.

Diese Öffnung landet dann genau an der Stelle, an der sowieso ein Ring­balken und ein Unterzug vor­handen ist, die bei der Dach­sa­nierung 2010/11 schon her­ge­stellt wurden. An dieser Stelle haben wir dann die Treppe Stelle ent­worfen, um das Hoch- und Run­ter­gehen  an der wich­tigsten Stelle zu insze­nieren. Bau­kon­struktiv ist das natürlich erst einmal ein total geheim­nis­voller Kno­ten­punkt, weil zu Beginn des Pro­jektes keiner sagen kann, ob das geo­me­trisch über­haupt aufgeht.

Die ein­fache Idee wird also an dieser Stelle komplex. Wenn sich diese Kom­ple­xität beim Zeichen oder im Modellbau lösen lässt, löst sich das gesamte Projekt in Wohl­ge­fallen – quasi dem Zen-Moment – auf.

Genau diese Art von Stellen haben bei mir im Büro eine Metapher erhalten: Bei uns  heißen sie die seis­mi­schen Stellen, weil sie wie ein Erd­be­ben­messer über das Gelingen des Pro­jektes ent­scheiden.

Zu diesem Thema ist Ende Mai mein neues Buch bei Edition Detail erschienen, in dem anhand ver­schie­dener Pro­jekte und Pläne nach­voll­ziehbar wird, welche Stra­tegien des kon­struk­tiven Ent­werfens Büros anwenden, um knif­felige kon­struktive Über­la­ge­rungs­stellen zu lösen.

Der Übergang von Fenster zu Treppe im Studio Uckermark ist wirklich sehr schön. War das eine sehr teure Lösung?

Gar nicht. Wichtig war, dass wir das Modell dazu auf die Bau­stelle gebracht und den Hand­werkern gezeigt haben. Sie haben sich das ange­sehen, sofort ver­standen und einfach gebaut – für den­selben Preis wie jeder andere Holz­treppe in ver­gleich­barer Aus­füh­rungs­stärke.

Das Objekt wurde ursprünglich als Foto­studio geplant. Eine Nutzung für Urlaubs­zwecke war also gar nicht Teil ihres sei­ner­zei­tigen Auf­trages?

Richtig. Der Eigen­tümer ist selbst Fotograf. Die Idee eines tem­po­rären Rück­zugs­raumes kam erst später im Zuge der Pan­demie auf.

Haben Sie das Haus selbst schon genutzt?

Ich war tat­sächlich zwei Mal vor Ort. Einmal privat mit der Familie und einmal mit Katharina Ben­jamin und Mat­thias Bal­lestrem für einen Arbeits­auf­enthalt. Es war jeweils sehr besonders. Das ist es auch, was ich mit den Bauherr:innen vorher immer bespreche: Dass es doch toll ist, wenn man sich im Moment des Tape­ten­wechsels, auch einmal mit unge­wöhn­lichen Raum­si­tua­tionen kon­fron­tiert und ver­steht, dass das Leben eben auch anders geführt werden kann, dass Komfort anders sein kann.
 Etwa, dass man in einen Schrank geht, um zu duschen.


Und dann viel­leicht auch nur vier Zen­ti­meter Schrankwand zwi­schen mir und dem Rest der Welt sein können, tem­porär. Sich einmal mit diesen Kom­fort­zonen zu beschäf­tigen und sich darauf ein­zu­lassen, führt meiner Meinung nach auch zu einem Moment der Ent­spannung.

Haben Sie noch andere Urlaubs­do­mizile geplant?

In der Tat hat das Projekt durch die Ver­öf­fent­li­chung auf ihrer Seite unglaublich viele Leute erreicht und es haben sich einige Anfragen für den Umbau bestehender Häuser in Feri­en­häuser ergeben. Gerade wird ein Gebäude in Arnims­walde fertig. Und dann gibt es noch zwei, drei andere Pro­jekte, die sind aber noch in Arbeit.

Kurz zurück zur Insze­nierung: Sie waren Teil einer Küns­terin­nen­gruppe namens après-nous. Gibt es Par­al­lelen zwi­schen dem künst­le­ri­schen Schaffen von damals und ihrem Archi­tek­tur­ansatz von heute, oder gar Wei­ter­ent­wick­lungen?

Catharina Förster, Flo­rence Girod und ich haben uns damals an der UdK Berlin ken­nen­ge­lernt und hatten, wie viele Kommiliton:innen zu der Zeit, ein sehr hohes Interesse an dem, was die anderen Stu­die­renden dort machen – also etwa die Maler:innen und die Bildhauer:innen. Sich in dieser Szene Berlins befunden zu haben und die Dis­kus­sionen, die sich daraus ergeben haben, waren gegen Ende des Stu­diums das Initial für die Künst­le­rin­nen­gruppe oder für diese archi­tek­to­nische Band, wie wir das genannt haben.
Das war erst einmal nicht reflek­tiert, denn es gab vor allem diesen Wunsch, über­haupt in die Expression zu gehen – über dieses A3-Blatt hinaus, das wir damals alle im Studium als größtes druck­bares Format vor uns hatten.

Die große Kon­ti­nuität ist für mich dabei die Prä­zision. Die hat sich bis heute erhalten und war auch bereits zu meiner Zeit bei Staab Archi­tekten, wo ich unter anderem in der Bau­leitung gear­beitet habe, da. Diese ästhe­ti­schen, künst­le­ri­schen Expe­ri­mente tat­sächlich durch­zu­stehen, also bis in die letzten Mil­li­meter durch­zu­denken, war da sicher die Basis.

Auch die Frage, welchen künst­le­ri­schen Subtext archi­tek­to­nische Arbeiten mit trans­por­tieren können, haben wir sei­nerzeit sehr intensiv dis­ku­tiert.

Das beschäftigt mich schon immer in dem Wissen, dass es in der Archi­tektur diese stark hand­werk­liche Kom­po­nente ja auch gibt. Wobei ich jetzt kei­nes­falls den Nimbus des Künst­ler­ar­chi­tekten bemühen will. Das ist eher die Art, kon­zep­tuell und abs­trakt zu denken. Welche räum­liche Wirkung haben die Maß­nahmen, wie sind diese Ideen über­haupt umsetzbar?

Das ist bei uns dreien als Motor auch im Büro­alltag erhalten geblieben. Wir sind wei­terhin gut befreundet … und ganz offi­ziell haben wir unsere gemeinsame Arbeit gar nicht abge­schlossen, sondern eine tem­poräre Pause ein­gelegt. (schmunzelt)

Unsere Wahr­nehmung der Kunst­pro­jekte war es, dass auch hier Räume mit beson­derer Atmo­sphäre ent­standen sind; Räume, die den Flow der All­tags­wahr­nehmung bewusst unter­brechen und dadurch zum Nach­denken anregen. Ist das grund­sätzlich korrekt?

Ja, bei dem, was wir mit après-nous auf die Bühne gebracht haben, oder besser auf die Stadt als Bühne, ging es immer um die Frage, wem gehört diese Stadt? Eine Frage, die die jüngere Gene­ration wei­terhin intensiv beschäftigt: Wem gehört eigentlich der öffent­liche Raum?
Bei uns ging es immer darum, dass das unge­zwungene Gespräch darüber Freude macht. Also, dass man diese Unter­bre­chung des All­tags­mo­mentes als fei­erlich emp­findet oder als Par­ty­moment.

Gibt es da Par­al­lelen zur ihrer gebauten Archi­tektur – besondere Räume, die tem­porär die Wahr­nehmung ver­ändern?

Ja, oft gibt es diese Über­ein­stimmung zwi­schen den künst­le­risch moti­vierten Pro­jekten und einigen archi­tek­to­ni­schen Pro­jekten; zumindest dann, wenn letztere eben eben­falls wie in Weimar oder im Studio Uckermark für den Besucher:innen oder Benutzer:innen nur auf eine gewisse Zeit­spanne angelegt sind. Alle Leute, die etwa an dieser Kreuzung Strelitzer/Anklamer Straße in Berlin danach vor­bei­fahren, werden sich jah­relang an den Moment dieses Zusam­men­treffens erinnern: Sou­venirs.

Und ich glaube, dass wir als Gestal­te­rinnen es in uns tragen, die besondere Ver­fasstheit von Orten her­aus­ar­beiten, auf ihre jeweilige Art.


Was muss ein Projekt, einen Ort für Sie aus­zeichnen – egal ob öffentlich oder privat – damit der Funke bei Ihnen als Archi­tektin über­springt und Sie einen Auftrag über­haupt annehmen?

Nun, ich würde jetzt sagen, im wei­testen Sinne irgendeine Form von Cha­rakter – das kann auch gene­risch sein. Bei Karel und Jana vom Studio Uckermark war das ganz klar, als wir da ankamen. Wir wussten schon, wie niedrig das Bau­budget ist und dass wir das sowieso nur mit ihnen machen, weil wir den Ort als solchen wun­der­schön finden. Es gibt aber natürlich auch eine Ent­wicklung in einem Archi­tek­tin­nen­leben. Inzwi­schen würde ich mir wün­schen, dass es wieder mehr Pro­jekte in Richtung des öffent­lichen Raumes gibt; wobei ich da oft an den Hürden des Wett­be­werbs­wesens scheitere bezie­hungs­weise die öffent­liche Auf­trags­vergabe in Berlin für mich sehr diffus erscheint. Natürlich würde ich wahn­sinnig gerne mal eine Schule oder einen Kin­der­garten bauen, um einmal in einem Zwei­ge­schosser auch das Misch­mau­erwerk aus Lehm und Ziegel bauen zu können, so wie wir ihn an der TU Braun­schweig derzeit unter­suchen, zusammen mit Moritz Scheible, Linda Gehrke, Eli­sabeth Endres, Evelien Dor­res­teijn und Thorsten Leussmann. Abseits der reinen Archi­tektur würde mich das auch inter­es­sieren, um die ein­her­ge­henden sozialen Fragen besser beant­worten zu können. Und ich möchte schon gern her­aus­finden, ob man seis­mische Stellen auch in anderen Pro­jekt­größen als bisher rea­li­sieren kann. Klingt banal, ist es jedoch wahr­scheinlich nicht.

Wie ver­ein­baren Sie das eigentlich alles – Lehre, For­schung und Praxis?

Natürlich ist das manchmal ein Spagat. Aber, wie es Baharak Taj­bakhsh, eine Mit­ar­bei­terin des Birk­häuser Verlags so schön for­mu­lierte: Wenn man als Archi­tektin an den Stell­schrauben von Klima und Res­sour­cen­fragen arbeitet, ist der Spagat zwi­schen Praxis, Lehre und For­schung die Vor­aus­setzung, um über­haupt ein ver­tieftes Ver­ständnis für die Tiefe der The­matik zu ent­wi­ckeln.

Man muss die Pro­ble­matik die ganze Zeit vor den Augen haben, um Ver­än­de­rungen zu erreichen. Insofern ist die prak­tische Arbeit an den bau­baren Grenzen sehr von Vorteil. Im Grunde genommen ent­stehen dadurch jeden Tag fünf Ideen, was man for­schen müsste.

Vielen Dank für dieses wun­derbare, auf­schluss­reiche Gespräch, Frau Prof. Blocksdorf!


Prof. Helga Blocksdorf absol­vierte ihr Archi­tek­tur­studium an der Bauhaus-Uni­ver­sität und an der UdK Berlin. 2013 gründete sie ihr Büro HB/A. Seit 2021 ist sie Pro­fes­sorin für Bau­kon­struktion an der TU Braun­schweig, davor war sie Gast­pro­fes­sorin an der Bauhaus-Uni­ver­sität Weimar. 2025 pro­mo­vierte sie  an der TU Berlin im Pro­gramm Ent­wurfs­ba­sierte Pro­motion.

Interview: Das Gespräch führten Britta Krämer und Ulrich Stefan Knoll.

Fotos: Prof. Helga Blocksdorf © Helga Blocksdorf / Archi­tektur (Titelfoto), Con­s­tructive Dis­o­be­dience © Birk­häuser Verlag (1/2), Kul­tur­portal Weimar © Simon Menges (3–8-) © Ruben Beilby (9–11), Studio Uckermark © Karel Kuehne (12–16, 19–21), Seis­mische Stellen © Edition Detail, DETAIL Archi­tecture GmbH © Katerina Tra­kakis, Any Studio (18), Arnims­walde – Pläne/Visualisierungen © Helga Blocksdorf Archi­tektur (22–24) Foto © Lukas Beer (25), après-nous © après-nous (26), Jam Session © Maria del Pilar Garcia Ayensa (27–30), Gut Fal­kenhain © Matthis Pabst (31/32), Grünes Dach © Marcus Ebener (33/34), Blaues Dach © Marcus Ebener (35/36)

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