Von Ort zu Ort
Wo hört das Haus auf, wo fängt das Meer an? In der Casa Costa auf Teneriffa ist das keine rhetorische Frage.
Die Terrassen dieser Villa aus den späten 1970ern sind so weitläufig, dass sie kein Programm brauchen – man zieht einfach weiter, wenn die Sonne wandert oder die Stimmung sich ändert. Morgens hier, mittags dort, abends irgendwo mit Blick auf den Atlantik. Dass diese Terrassen erhalten wurden, ist zweien zu verdanken, die eigentlich gar kein Haus suchten und sich doch Hals über Kopf verliebten: der niederländischen Architektin Susan Theunissen und ihrem Mann Leo Coolen, einem Sammler. Sie sanierten behutsam und statteten mit passenden Möbeln aus – auch das Wohnzimmer namens Terrasse.
Zum Haus Casacosta
Immer noch ein Platz
Eine Loggia mit Meerblick, ein schattiger Tisch unter Palmen und Olivenbäumen, ein Esstisch unter Arkadenbögen, eine Dachterrasse mit Sofas und bunten Kissen… Die Casa Nettuno südlich von Rom macht das Draußensein zur Entscheidungsfrage.
Michele Busiri-Vici, der Architekt dieses Hauses aus den 1950er-Jahren, ließ sich von Nordafrika, Spanien und Griechenland inspirieren – und das steckt in jedem Detail. Die weißen Rundformen, die Bögen, die farbigen Fensterläden schaffen Orte, die so gar nicht geplant wirken, sondern gewachsen. Wer morgens auf der Loggia sitzt und aufs Meer schaut, will nachmittags vielleicht lieber in den Schatten der Vegetation wechseln. Und abends auf die Dachterrasse, wenn die Berge des Monte Circeo im Gegenlicht stehen.
Zum Haus Casa Nettuno
Draußen mit Dach
In der Freiform bei Klausen in Südtirol gibt’s gar nicht wirklich ein Drinnen und ein Draußen – sondern schlicht Orte, die weniger Wetter haben als andere. Es gibt eine kleine Terrasse und ansonsten viel Wiese zum Sein.
Architekt Martin Gruber hat das Gästehaus auf dem Biobauernhof seines Vaters für sich und seine Frau Anita gebaut – als Gegenentwurf zur üblichen Ferienarchitektur. Bewusst nur ein einziges Haus statt vier möglicher, bewusst gläsern, bewusst offen. Die großen Schiebetüren lassen im Sommer die kühle Bergluft herein – wo das Daybed endet fangen die Grashalme an und auch das Bett liegt quasi mitten in der Wiese. Wer hier ruht und entspannt, ist nicht auf einer Terrasse – er ist draußen, mit einem Dach darüber.
Zum Haus Freiform
Haus ohne Drinnen
Was wäre, wenn man die Grenze zwischen innen und außen schlicht ignoriert? Das SpronkenHouse, ein architektonisches Gesamtkunstwerk im Hinterland von Valencia, tut genau das.
Sechs Meter hohe Pfeiler, rahmenlose Glasscheiben, alte Schiffsbalken als Dach: Raum und Negativraum sind hier ineinandergeschoben. Der niederländische Künstler und Bildhauer Xander Spronken hat diese zwei Häuser für 13 Hektar Grund entworfen – und man kann kaum sagen, wo das Drinnen aufhört und das Draußen anfängt. Am Tag der Pool, eine Liege, ein Buch; der lange Abend gehört dem Sitzplatz unter Betonpfeilern, dem offenen Feuer, dem Blick auf die Berge. Das eigentliche Wohnzimmer ist hier das Draußen – und es ist sehr groß.
Zum Haus SpronkenHouse
Oben oder unten
Innenhof oder Sonnenterrasse? Umhüllt sein oder freien Blick haben? In der Greisslerei Gösing ist das keine Frage der Ausstattung, sondern des Wetters oder einfach der Stimmung.
Unten: der Innenhof mit Sitzplatz und Grill, geschützt und nah am Haus. Auch dann perfekt, wenn es nicht ganz so warm ist. Oben: die Sonnenterrasse vor dem Sommerzimmer im ersten Stock, mit Liegen aus alten Metallbetten und einer Außendusche. Passend, um mit einem Buch und einem Glas Wein aus dem Keller von Biowinzerin Daniela Vigne einen lauen Sommerabend zu genießen. Zwei Orte im Freien, ideal zum Nichtstun – man wechselt einfach, wenn die Sonne es vorgibt.
Zum Haus Greisslerei Gösing
Nordisch by Nature
An der Schlei dient eine Weide als Wohnzimmer im Freien. Und die wollene Sofadecke? Die ist noch mit ihrer Produzentin unterwegs, eine der rund 40 Mitnutzerinnen dieses Feriengrundstücks.
Scherz beiseite: Auf dem Grundstück weiden tatsächlich die Lacaune-Milchschafe der Hofbetreiber – und die neugierigsten der Vierbeiner schauen hin und wieder am Haus vorbei. Architekt Malte Sunder-Plassmann, Sohn der Familie, hat das vollverglaste Tiny House keck auf die Weide des elterlichen Biolandhofs gesetzt. Morgens, wenn Vater Sunder-Plassmann seine Herde zur Melkstation treibt, weckt das Blöken die Gäste. Und wenn die Mitbewohnerinnen schlafen gehen, schaut man dem Sternenhimmel über der Schlei zu.
Zum Ferienhaus Hof Ahmen
Zwischen zwei Häusern
Alentejo, Portugal: Ein Bungalow aus zwei Baukörpern, dazwischen eine Terrasse – mit Pergola, Esstisch, Sofas, Daybeds und Pool. Klar gibt es hier auch ein Drinnen. Aber das ist nicht mehr als ein notwendiger Anhang.
Der eigentliche Mittelpunkt dieses Hauses liegt unter freiem Himmel: Rattanlampen über dem langen Esstisch, Sofas auf dem Holzdeck, als Fixpunkt die weite, goldene Landschaft mit Pinien am Horizont. Abends ein Glas Wein neben dem Pool – die Schwimmringe dümpeln, die Sonne geht unter. Was für ein Glück: Die Münchner Innenarchitektin Silke Ulbrich-Käferlein hat das Interieur des modernen Bungalows mit derselben Ruhe gestaltet, die der Alentejo draußen ausstrahlt.
Zum Haus Casa Lia
Kamin, Sitzplatz und Wiese
Ein freistehender Kamin, Stühle drum herum – das muss das Wohnzimmer sein! Nur hat es kein Dach und keine Wände. In der Lenk Lodge gibt es tatsächlich ein Wohnzimmer unter freiem Himmel. Blick auf die Berner Alpen inklusive.
Das über 100 Jahre alte Bauernhaus im Simmental wurde behutsam in ein Gästehaus mit mehreren Apartments verwandelt. Zu diesem Ort gehören die weite Wiese drumherum genauso wie die Terrassen mit Morgen- oder Abendsonne. Unter einem alten Baum warten geschwungene Holzliegen und ein Hängesessel; wer es geselliger mag, zieht sich noch einen Stuhl an den Außenkamin. Der Wildstrubel – das vergletscherte Bergmassiv, das das Simmental überragt – ersetzt das Ölgemälde an der Wand.
Zum Haus Lenk Lodge
Text: Barbara Hallmann
Fotos: Wafi via unsplash.com (Titelbild), Susanne Theunissen (Casacosta), Theo Zierock (Casa Nettuno), Tobias Kaser & Andreas Tauber (Freiform), Joris Dassen (SpronkenHouse), Elisabeth Fröhlich (Greisslerei Gösing), Simon Schmalhorst (Ferienhaus Hof Ahmen), Jonathan Sage Photography (Casa Lia), Tim Troxler (Lenk Lodge)
0 Kommentare