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Der empa­thische Rei­sende: Ein Gespräch über das, was uns lebendig macht

Luca Giannini ist ein krea­tiver Kos­monaut. Schwe­relos und selbst­ver­ständlich bewegt er sich quer durch Dis­zi­plinen und Desti­na­tionen.

im Februar 2022

 Der empa­thische Rei­sende: Ein Gespräch über das, was uns lebendig macht in  /

Der gebürtige Bolo­gneser Luca Giannini ist ein moderner Leo­nardo da Vinci. Mit der Schwe­re­lo­sigkeit und Selbst­ver­ständ­lichkeit eines Kos­mo­nauten bewegt er sich quer durch Dis­zi­plinen und Desti­na­tionen und führt sie stimmig zuein­ander: Kunst, Design, Archi­tektur, Handwerk und Foto­grafie. Mythos und Materie, Meer und Land, Symbol und Arche­typus, Raum und Zeit. Zuhause in Sizilien, Rom und Bologna aber irgendwie auch überall dort, wo ein Ort seine Seele zum Klingen bringt, mani­fes­tieren sich seine Rei­se­er­fah­rungen und eine tiefe Empathie für Orte in bedeu­tungs­ge­la­denen und doch wun­derbar leisen Werken und Pro­jekten.

Seine “Tac­cuini di viaggio” — sehr per­sön­liche Rei­se­no­tiz­bücher — ent­hüllen einen besonders fein­sin­nigen Blick auf Orte: Ver­borgene Winkel, uner­wartete Per­spek­tiven, Licht­stim­mungen, Patina und geflüs­terte Geheim­nisse. Ein Gefühl, ein Dé­jà-vu, eine flüchtige Begegnung und all die Geschichten und Bot­schaften, die aus der Stille heraus ent­stehen.

In Sizilien emp­fängt Luca seine Gäste in Häusern, die — einst ver­lassene, ver­fallene Ruinen, auf leise und sublime Art, einen ganzen Kosmos in sich bergen und durch und durch vom Licht und der Seele des Südens durch­drungen sind: Resi­denza Hortus und Casa Sabir.

Ich habe Luca an einem früh­lings­haften Janu­artag in Rom zum Interview getroffen. Her­aus­ge­kommen ist ein langes, inspi­rie­rendes Gespräch über das Wesen von Orten, ihre Schätze und Offen­ba­rungen. Ein Gespräch über den Süden und die Sehn­sucht nach Sinn und Geist der Grand Tour. Über Grenzen und Grenzgänger:innen, Inseln und die Freiheit, über die Liebe zum Reisen und ganz per­sön­liche Vor­sätze. Kurz­gesagt: Ein Gespräch über das, was uns lebendig macht. Nehmen Sie sich Zeit.


Das Wesen von Orten, ihre his­to­rische, sym­bo­lische und emo­tionale Ladung, spielen eine zen­trale Rolle in deinen Werken und Pro­jekten. Wieso fühlen wir uns bestimmten Orten so tief ver­bunden?

Unsere Seele schwingt nicht an jedem Ort gleich. Vielmehr gehen wir mit jenen Orten am stärksten in Resonanz, die uns einen Spiegel vor­halten, in welchen wir essen­tielle Anteile unserer selbst ent­decken. Orte, deren sublime Energie uns den roten Faden, den grö­ßeren Kontext unserer mensch­lichen Existenz erahnen läßt; die uns ein­laden inne­zu­halten, kon­tem­plativ zu lau­schen und zu beob­achten und die unserer Suche nach Freiheit und Sinn­haf­tigkeit ent­sprechen. Wir werden “empa­thisch” mit diesen Orten, ety­mo­lo­gisch gesehen “leiden” wir mit ihnen, denn ihre besondere Natur ent­spricht unserem urei­genen Emp­finden.

Die Orte, die mich besonders ansprechen, sind Grenzorte,  an welchen sich die Trenn­linie zwi­schen den Ele­menten oder zwi­schen Völkern abzeichnet: Entlang von Grenzen bringt die Natur bekanntlich die größte Arten­vielfalt hervor, Kul­turen kon­ta­mi­nieren und berei­chern sich gegen­seitig und schaffen neue, inter­es­santere Formen der Existenz.

Ich habe eine natür­liche Affi­nität zum Mit­tel­meerraum. In diesem Sam­mel­becken von Mythen und Arche­typen, die alle etwas mit meiner eigenen Her­kunft zu tun haben, fühle ich mich mir selbst am nächsten. Und auf den Inseln, wo sich mir an der Schnitt­stelle zwi­schen der End­lichkeit des Landes und der Unend­lichkeit des Meeres der tiefere Sinn der Mensch­heits­ge­schichte leichter erschließt.

Die Objek­ti­vität eines Ortes ist reine Abs­traktion, denn wir erschaffen immer eine sub­jektive, sehr per­sön­liche Wahr­nehmung durch unsere Sinne und unseren Ver­stand. Die Geschichte eines Ortes erschließt sich uns immer auf sehr indi­vi­duelle Weise, wie auch jede Rei­se­er­fahrung durch und durch sub­jektiv ist. Meine Art zu reisen und einen Ort zu erzählen wird aus dem Wunsch geboren, eine Beziehung auf­zu­bauen, ein gemein­sames Gefühl zu teilen. Meine Annä­herung an die Rea­lität ist poe­tisch, sie erfolgt über emo­tionale Bilder, aus welchen Visionen ent­stehen.

Dein krea­tiver Wer­degang hat kon­krete geo­gra­phische Bezüge. Welche sind deine Koor­di­naten der Muse? 

Ich bin im Grunde ein pho­to­syn­the­ti­scher Mensch, Licht akti­viert meine Visionen. Mein bis­he­riges Leben war eine schritt­weise Annä­herung an den Süden, den ich mit einer bestimmtem Aus­richtung der Seele asso­ziiere: mit dem Bedürfnis nach Licht, dem Zulassen von Chaos und dem Unvor­her­seh­baren, mit der sinn­lichen Erfahrung einer Welt, in der die Natur schroffer, inten­siver, zu Extremen fähig und reich an Grenzen und Kon­trasten ist. Hier tauche ich in die kom­plexe Geschichte des Mit­tel­meers ein, in der uralte Erin­ne­rungen und archai­sches Wissen wurzeln und in der die His­torie, jen­seits ver­staubter Museen, ihren Platz im täg­lichen Leben der Bewohner findet.

Bologna, meine Hei­mat­stadt, mit ihrem sanften, pas­tel­lenen Licht und ihrer laut­starken Direktheit, hat mir einen lyri­schen Zugang zu den Dingen und einen Sinn für Gast­freund­schaft ver­mittelt. Rom, mit seinem quir­ligen Chaos, das den Süden vor­weg­nimmt, mit der Weite seiner Hori­zonte, seinen tausend Iden­ti­täten, den üppigen Barock­ku­lissen, seinen abblät­ternden Ober­flächen und den von der Zeit gezeich­neten Steinen, war die “Hebamme” meines Wer­de­gangs als Künstler, der sich für Materie, Zeichen und Symbole inter­es­siert.

Das Sizilien von Modica, Syrakus und dem Noto-Tal mit dem bereits afri­ka­nisch anmu­tenden, kal­kigen Licht und seinen farb­ge­la­denen Schatten, ist ein Tum­mel­platz gegen­sätz­licher Kräfte, kon­tras­tie­render und doch kom­ple­men­tärer Energien, ein durch­läs­siges Grenz­gebiet medi­ter­raner Kul­turen. Hier hörte ich zum ersten Mal den Ruf ver­las­sener Orte und den Wunsch, ihnen neues Leben ein­zu­hauchen, indem ich sie für die Gast­freund­schaft öffnete. Hier wurde vor über 15 Jahren mein Projekt Anime a Sud geboren.  

Malerei, Skulptur, Archi­tektur, Design, Foto­grafie und all ihre Schnitt­mengen. Deine Werke und Pro­jekte ziehen die Register der unter­schied­lichsten Dis­zi­plinen und haben viel­schichtige Bedeu­tungs­ebenen. Dennoch bleiben sie immer klar, schlicht und leise.

Unsere Zeit hat es mit den Dif­fe­ren­zie­rungen und Spe­zia­li­sie­rungen über­trieben. In der Ver­gan­genheit hin­gegen war der Architekt gleich­zeitig auch Inge­nieur, Denker, Hand­werker, Künstler, Rei­sender und Astronom. Er (oder sie) kannte die Bewe­gungen der Gestirne, die Eigen­schaften der Materie, die Regeln der Geo­metrie, den Kanon der Ästhetik und die Schulen der Phi­lo­sophie.

Es stimmt, auch ich bewege mich zwi­schen den Dis­zi­plinen, denn im Grunde geht es mir wie beim Reisen um Grenz­über­schreitung: sie eröffnet und erweitert die Mög­lich­keiten des Dialogs.

Meine Annä­herung an die Archi­tektur eines Ortes ist künst­le­risch, ich behandle sie wie eine Skulptur, erforsche sie in ihren Rich­tungen, in ihren Volumina, achte auf die Variation des Lichts, strebe nach der Aus­ge­wo­genheit von Fülle und Leere, erforsche das sen­sible Gleich­ge­wicht zwi­schen Hin­zu­fügen und Weg­lassen, die die Voll­kom­menheit eines Raumes defi­niert. Solange ich das Gefühl habe, dass eine Umgebung nicht geklärt oder ein Werk nicht wirklich fertig ist, emp­finde ich eine Art Unaus­ge­gli­chenheit, ein fast kör­per­liches Unbe­hagen, denn mein gestal­te­ri­scher Ansatz ist im Grunde phy­sio­lo­gisch: In einer gut orga­ni­sierten Umgebung oder vor einem gut gelun­genen Werk ent­spannt sich mein Körper und ich fühle mich wohl. Dabei spielt auch die Materie eine wichtige Rolle. 

Meine künst­le­ri­schen Arbeiten kreisen um medi­terrane Symbole (die Amphoren), Ursprungs­mythen (der Garten Eden, die Arche, das Weltei, die Stern­bilder), Karten und Routen realer oder ima­gi­närer Reisen (die Land­karten der neuen Welten) und Formen, die mit der öko­lo­gi­schen Krise unserer Erde zu tun haben (Wal­fische, Pla­neten). Es sind mate­ri­al­be­zogene Werke, in welchen man die Schichten, die Unent­schlos­senheit, das Inne­halten, die Rich­tungs­än­de­rungen sehen und nach­voll­ziehen kann. Unser Leben gestaltet sich letztlich auf die­selbe Weise und ist indi­vi­duell und ein­zig­artig. Ich sehe keinen Sinn in Kopien, Nach­ah­mungen und Nor­mie­rungen — egal in welcher Dis­ziplin. 

Die Mate­rialien sollten ent­spre­chend ihrer wahren Natur dar­ge­stellt und in der Nähe ihres Her­kunfts­ortes ver­wendet werden. Bei der Gestaltung sollte es darum gehen, eigen­ständige Lösungen zu finden, die Bezug nehmen auf die Symbole und Tra­di­tionen eines Ortes. Die Pro­jekte, die ich kon­zi­piere, sind immer sehr hand­werks­be­zogen, sie wollen ein Gefühl der Ein­zig­ar­tigkeit ver­mitteln, wollen nach­voll­ziehbar machen, wo sie ange­siedelt sind. Sie machen das Wesen eines Ortes, seine Men­schen und ihre Talente, seine Steine und Farben zu den Haupt­ak­teuren. 

In ähn­licher Weise foto­gra­fiere ich. Ich will das Mys­terium eines Ortes ein­zu­fangen, das Ver­borgene, das nicht Offen­sicht­liche. Ich inter­es­siere mich für Schatten in gleichem Maße wie für das Licht, für das Gleich­ge­wicht der Massen, für die ima­gi­nären Zeichen, die durch die Per­spek­tiven ent­stehen. 

Du erweckst ver­lassene Orte zu neuem Leben. Dabei spielt das “Gedächtnis” dieser Orte eine wesent­liche Rolle.

Die Wie­der­be­lebung eines Ortes hat etwas mit Ethik und unserem Pla­neten zu tun. Kein neues Terrain zu ver­schwenden, natür­liche Res­sourcen zu schonen und eine Ruine oder ein ver­las­senes Gebäude der Gemein­schaft zugänglich zu machen, sind öko­lo­gische und soziale Themen, die mich seit jeher beschäf­tigen. Einen Ort wieder zum Leben zu erwecken, hat auch eine ritu­ellen Bedeutung: die Wür­digung des Genius Loci. Die Men­schen der Antike emp­fingen Bot­schaften und Vor­ah­nungen aus der sie umge­benden Welt und lebten sie auch auf sym­bo­li­scher Ebene. Sie wussten, dass nicht alle Orte auf der Erde gleich waren, sondern dass sich die Energien an bestimmten Stellen kon­zen­trierten, wo die Natur ihre Beson­der­heiten her­vor­brachte; hier errich­teten sie Tempel und Hei­lig­tümer oder mar­kierten die Grenz­linien von Städten.

In seinem Buch “The Soul of Places” stellt der ame­ri­ka­nische Phi­losoph und Psy­chologe James Hillman im Gespräch mit dem ita­lie­ni­schen Archi­tekten und Schrift­steller Carlo Truppi fest, dass Orte ein Gedächtnis haben, und dass die Wie­der­her­stellung eines Ortes auch bedeutet, eine Amnesie zu heilen, eine aus­ge­löschte Erin­nerung wie­der­gut­zu­machen:

”Es ist, als hätten sie darum gebeten, ver­lassen zu werden, Aus­grenzung zu erleiden, um dann voll­ständig wie­der­ent­deckt zu werden und so ihre tiefere Iden­tität zu ent­hüllen. Auf diese Weise werden sie real: Orte, von welchen man sagen kann, dass sie zweimal geboren wurden.”

Das Hin­ein­hören in einen Ort ist eng mit der Zeit ver­bunden. Ich bleibe gerne lange an einem Ort, damit sich meine Ima­gi­nation ein­stellen kann. Heid­egger sagte: „Dich­te­risch wohnet der Mensch“. Träume und Visionen sind der Kata­ly­sator dafür, einen Ort wie­der­her­zu­stellen und der Funktion des Wohnens die Poesie zurück­zu­geben. 

Deine “Tac­cuini di viaggio”, die du für dich privat und als Auf­trags­arbeit anfer­tigst, por­trai­tieren den intimen Cha­rakter von Siracusa, Salina, Essaouira und anderen Desti­na­tionen. Sie fangen auf­merk­samen Blickes all­täg­liche und scheinbar neben­säch­liche Facetten ein. Für mich war das Durch­blättern und Lesen deiner “skiz­zierten Erzäh­lungen” als hätte ich einen Schlüssel zum jewei­ligen Ort erhalten, als hätte ich ihn selbst durch­wandert und seine Stimmung zu meiner gemacht. 

Wenn ich Rei­se­li­te­ratur lese, bin ich immer wieder erstaunt, wie sehr der Bezug zu einem Ort und den dort lebenden Men­schen von der Zeit und der acht­samen Beob­achtung abhängt, die man ihm widmet. Sie stehen im deut­lichen Gegensatz zur Hektik unserer Gesell­schaft, dem Miss­brauch der visu­ellen Kom­mu­ni­kation, der Bulimie der Bilder, der ober­fläch­lichen und ste­reo­typen Dar­stellung von Orten. Last Minute, Ein­ta­ges­ge­schäfts­reisen, Kurz­ur­laube, keine Zeit für die Rei­se­vor­be­reitung. Die Geschwin­digkeit des Orts­wechsels ver­hindert, dass wir mit der gebüh­renden Grund­stimmung ankommen, und häufig sind wir bereits mit vor­ge­kauten Infor­ma­tionen derart gesättigt, dass wir die Chance vertun, uns auf unsere Desti­nation wirklich ein­zu­lassen.

Einen Ort zu kennen bedeutet, ihn zu fühlen und zu spüren, Emo­tionen in ihm zu depo­nieren und Schwin­gungen von ihm zu emp­fangen. Dazu brauchen wir eine Phase der Ruhe, eine auf­nah­me­be­reite Haltung, einen gleich­be­rech­tigten Dialog zwi­schen uns und dem Ort. Auf diese Weise wird er nicht mehr passiv kon­su­miert, vielmehr wird er zu einem aktiven Impuls­geber für Emp­fin­dungen und Inspi­ration. 

Die moderne Gesell­schaft hat die Rei­sezeit stark ver­kürzt und sie in Urlaub (vacanza/vacation) umge­wandelt, was ety­mo­lo­gisch von “vacare”, d.h. “abwesend sein”, kommt. Ein Mangel also, eine Absenz. Unser fre­ne­ti­scher Alltag wird mit völ­ligem Abschalten im Urlaub kom­pen­siert. Die Rei­senden der Ver­gan­genheit hin­gegen reisten um der Reise Willen, sie waren sich selbst immer sehr präsent, ihre Sinne waren aktiv und sie waren darauf bedacht, ja, erpicht!, alle Bot­schaften eines Ortes auf­zu­nehmen.

Die alten Römer nannten otium die Zeit, die dem negotium ent­ge­gen­ge­setzt war, schrieben ihm aber eine ebenso nütz­liche Rolle bei der Kul­ti­vierung des Geistes zu. Die Rei­senden, die sich auf die Grand Tour begaben, wussten, dass sie eine außer­ge­wöhn­liche Bil­dungs­ge­le­genheit vor sich hatten und dass sie, wenn sie Monate oder sogar Jahre später zurück­kehrten, andere Men­schen sein würden. Sie wussten auch, dass die Reise unvor­her­ge­sehene Ereig­nisse mit sich bringen könnte, sie hatten die Zeit und den Willen, sich diesen hin­zu­geben und sogar aus ihnen zu lernen. Erfah­rungen, die wir uns in unserer über­re­gu­lierten Welt, die unsere Ängste mit der Utopie des Null­ri­sikos nährt, nicht mehr leisten können. 

Für mich sind die Rei­se­no­tiz­bücher gewis­ser­maßen emo­tionale Decoder: An den Orten, von welchen ich gerne in Bildern und Worten erzähle, habe ich zunächst einmal inne­ge­halten, mir Zeit genommen, meine (Vor)Urteile zurück­ge­stellt, um das wahr­zu­nehmen, was der Ort mit seiner leisen, sub­tilen Stimme zu ver­mitteln vermag.

Einen Ort zu skiz­zieren ist an sich schon eine Art der Ent­schleu­nigung: um dem Licht zu erlauben, seine Eigen­schaften zu ver­ändern, um ver­borgene Details zu ent­decken, die Sinne zu schärfen um sub­tilere Gerüche und Geräusche wahr­zu­nehmen. Manchmal ergibt sich sogar eine uner­wartete, zufällige Begegnung, die zu einer tie­feren und authen­ti­scheren Kenntnis des Ortes bei­trägt. Letzt­endlich erzählt ein Ort genauso viel über mich wie ich über ihn und durch ihn erzähle ich auch von mir selbst. 

Du hast für dich selbst acht Grund­sätze ver­fasst, die du fest in deinen Lebens­alltag ver­ankert hast. Sie lesen sich wie ein per­sön­liches Manifest, wie eine “bucket-list” der Acht­samkeit. 

1. Mich von Über­flüs­sigem befreien und gleich­zeitig das bewahren, was mich in Hin­blick auf Funktion und Schönheit berei­chert;

2. Zeit, Materie und den Rhythmus der Natur wieder für mich nutzbar machen;

3. Mich gut ernähren, kör­perlich mit gesunder Nahrung und geistig mit Pro­jekten, die mein mir inne­woh­nendes Potential zum Aus­druck bringen;

4. Die Balance zwi­schen Traum und Kon­kretheit finden;

5. Kon­struktive und berei­chernde Bezie­hungen pflegen und mich von solchen trennen, die mit meinen Prin­zipien in Kon­flikt stehen;

6. Ver­meiden, dass die Angst meine Ent­schei­dungen und Nicht-Ent­schei­dungen steuert;

7. Bewusst reisen, je nach geis­tiger Neigung und innerer Ver­an­lagung, mit einer Seele, die sich dem Emp­finden öffnet;

8. Täglich achtsame Ent­schei­dungen treffen, die den Pla­neten schützen; 

Diese acht Grund­sätze sind für mich ein wich­tiges Exer­zitium um mein Leben zu berei­chern. Sie betreffen meine natür­lichen Ver­an­la­gungen, meine Visionen, meine Hoff­nungen, aber auch meine Blo­ckaden und Beschrän­kungen, an welchen ich arbeiten möchte.

Sie betreffen meine Beziehung zu Besitz und den Fokus auf essen­zielle Bedürf­nisse, die für meine Seele wirklich wichtig sind. Sie betreffen meine Seele und meinen Körper, die glei­cher­maßen auf natür­liche, gesunde und aus­ge­wogene Weise genährt werden wollen. 

Sie beschreiben die oft unscharfe Grenze zwi­schen meinem Streben nach Leich­tigkeit und dem Gebot der Schwer­kraft, zwi­schen Traum und Vision, die meinen Blick in die Ferne lenken, und ratio­naler Sorg­fäl­tigkeit, die nötig ist, um den Traum in einem krea­tiven Projekt zu mani­fes­tieren.

Sie erinnern mich an meine “Bezie­hungs­hy­giene”, um die kon­struk­tiven Bezie­hungen zu nähren und die destruk­tiven fern­zu­halten. Sie betreffen meinen Umgang mit der Angst und ihren furcht­erre­genden, ein­schrän­kenden und irre­füh­renden Aus­wir­kungen, die Akzeptanz von Fehlern und die Fähigkeit, hinter Wid­rig­keiten eine Chance zu sehen.

Sie betreffen meine Art zu reisen, meine Fähigkeit, mit dem Uner­war­teten umzu­gehen, das richtige Ver­hältnis zur Zeit, die Schulung der phy­sio­lo­gi­schen Wahr­nehmung von Orten, um solche zu erkennen, die Har­monie ver­mitteln, und das vor­ur­teils­freie Zuhören gegenüber den Men­schen, denen ich begegne.

Sie betreffen meine täg­liche Beziehung zu meiner Umgebung, das Gefühl der Ver­ant­wortung für das, was ich hin­ter­lasse, was ich weg­nehme oder ver­ändere, und die bewussten Maß­nahmen und Ent­schei­dungen, die sich daraus ergeben. 

Beim Lesen dieser Grund­sätze ertappe ich mich dabei, wie ich an die Inseln denke — an ihre dop­pelte Dimension von Zufluchtsort und Gefängnis, die gleich­zeitig Ein­ladung und Auf­for­derung zum Auf­bruch sind; ich denke an ihren starken Sinn für Abgrenzung, an die Beschei­denheit ihrer Ansprüche, an die schöp­fe­rische Energie, die ihr natür­liches Wesen frei­setzt und an ihre Rolle als Kata­ly­sator für negative und positive Emo­tionen. Ich denke an die Ursprüng­lichkeit ihrer Pro­dukte von Land und Meer, an ihre Fähigkeit, die Geräusch­ku­lisse unserer lauten Zivi­li­sation zu dämpfen, an die Beziehung zur Ein­samkeit und den eigenen Ängsten. Inseln sind für mich ein Labo­ra­torium der Selbst­er­kenntnis. 


Das Interview führte Britta Krämer im Januar 2022.

Credits: Luca Giannini, Erica Brenci Studio

4 Kommentare

Dieses Interview ist an sich schon eine Grand Tour und enthält weit mehr kostbare Anre­gungen als viele “Bibeln der Selbst­findung”! Ich habe nach der Lektüre auch einen Grundsatz für mich for­mu­liert: “Nimm dir Zeit, all die Orte und Men­schen, die du bereits zu kennen glaubst, so zu betrachten, als wäre es das erste Mal.”
Danke Luca Giannini für dieses Feu­erwerk aus klugen Denk­an­stößen und groß­ar­tiger Ästhetik! Danke an Urlaubs­ar­chi­tektur dafür daß ihr den gebüh­renden Raum für solche Bei­träge schafft!

Florian Lange sagt:

Was für ein wun­der­voller Text! Er hat mir einiges, an beson­deren Orten Erlebtes, in Worte gefasst und ver­ständ­licher gemacht. Danke!

Andy sagt:

Danke für den Beitrag, der auf­grund seiner Tief­grün­digkeit dazu inspi­riert, wieder “lang­samer” unterwegs zu sein, sprich: das Umge­bende wirken zu lassen und noch genauer hin­zu­sehen. Sich ein­zu­lassen erscheint mir ganz wesentlich und fordert mich zur Rück­be­sinnung auf die Essenz des Reisens auf. Zudem: Der mul­ti­dis­zi­plinäre Ansatz öffnet so viele (Gedanken-)Welten — es ist eine Freude in das Interview ein­zu­tauchen. Grazie mille!

suedwester sagt:

This is one of the most fasci­nating things I’ve read recently, I felt guided by this person’s dimen­sional way of moving through the world, I learned from it! And think of what might happen in the world if more people would endeavor to live with and within the eight guiding prin­ciples. Thank you Britta for this.

Karen Bamonte sagt:

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