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Ein Flirt mit Le Cor­busier

Die schwedische Kunstkuratorin Sofia Mavroudis über das Erbe der Olivenbäume, die Identität eines Ortes und ihre architektonische Liebelei mit Le Corbusier inmitten der Wildnis Kretas.

von Sofia Mavroudis im November 2023

 Ein Flirt mit Le Cor­busier in  /

Jedes Jahr im November werden die kre­ti­schen Hügel unter den Strahlen der Win­ter­sonne von einer schier end­losen Zahl silbern schim­mernder Oli­ven­bäume mit Leben erfüllt. Trak­toren, Netze und Men­schen mit Stöcken – früher aus Holz, heute mecha­nisch – wandern von Baum zu Baum, um die Oliven zu pflücken und sie in das „grüne Gold des Mit­tel­meers“ zu ver­wandeln. Tra­di­tionell ist der Oli­ven­anbau eine Fami­li­en­sache, bei der alle mit anpacken. Antonis wandert seit seiner Kindheit in den späten 1980er Jahren durch diese Hügel, kennt jeden Winkel in- und aus­wendig und führt das Erbe seiner Familie fort.

Antonis’ Groß­vater wurde Ende der 1890er Jahre, zu Zeiten des Osma­ni­schen Reichs, in einem kleinen Dorf unweit der kre­ti­schen West­küste geboren, in einem Haus, das um 1600 erbaut, von den Osmanen erobert und zurück­er­obert wurde und sich noch immer im Besitz der Familie befindet. Das Dorf heißt Dermit­ziana und zählt heute noch etwa zehn Seelen. Sein Name leitet sich vom tür­ki­schen Wort demirci für Schmied ab, hatten doch die osma­ni­schen Paschas hier ihre Schmie­de­werk­stätten ein­ge­richtet und alles, von Töpfen und Pfannen bis hin zu Gewehren, im Dorf her­stellen lassen.

Als Künstler, der sich damit beschäftigt, wie Geschichte und Iden­tität an einem kon­kreten phy­si­schen Ort mit­ein­ander ver­woben sind, hat Antonis die Arbeit Mein Groß­vater, der Osmane, der Kreter, der Grieche geschaffen – ein Porträt seines Groß­vaters, der bereits vor seinem 20. Lebensjahr drei nationale Iden­ti­täten besaß – und das, ohne dafür jemals seine Hei­mat­stadt zu ver­lassen: Die Osmanen ver­ließen Kreta im Jahr 1898 und die Insel wurde für autonom erklärt, 1913 wurde sie dem grie­chi­schen Festland ange­gliedert.

Nachdem die tür­ki­schen Eroberer abge­zogen waren, wurden die Felder der Gegend den Ein­hei­mi­schen über­lassen. Es war eine ziemlich knifflige Ange­le­genheit, das Land gleich­mäßig auf­zu­teilen, denn das Gebiet war, anders als heute, nicht nur mit Oli­ven­bäumen bepflanzt. Vielmehr gediehen hier je nach Höhenlage Trauben, Orangen, Kar­toffeln, Bananen, Sesam, Din­kel­weizen und ver­schiedene Gemü­se­sorten. Der Oli­venhain, auf dem wir die beiden cabanons unseres Cabanon Con­crete Retreat gebaut haben, ist eines dieser Felder und liegt etwas außerhalb von Dermit­ziana. Schon als sehr kleiner Junge spürte Antonis deutlich, dass diese Hügel eine magische Aura umhüllt – von hier aus eröffnet sich eine atem­be­rau­bende Aus­sicht und die unzäh­ligen Oli­ven­bäume ver­mitteln ein Gefühl von Gebor­genheit. Damals konnten sich jedoch nur wenige Men­schen vor­stellen, warum es über­haupt erstre­benswert sein sollte, an diesen abge­le­genen Ort zu kommen. Die meisten Kre­ta­rei­senden strömten in die großen, All-inclusive-Hotel­re­sorts an der Küste. Seitdem hat sich das tou­ris­tische Angebot der Insel glück­li­cher­weise stark ver­ändert.

Ich war noch nie auf Kreta gewesen, bevor ich mit Antonis dorthin reiste. Als Kind grie­chi­scher Eltern bin in Stockholm geboren und auf­ge­wachsen, doch ich fühlte mich nie einem bestimmten Ort wirklich zuge­hörig. Kein Ort dieser Welt hat meine Iden­tität besonders geprägt, vielmehr bin ich ein Kind der Glo­ba­li­sierung. Viel­leicht ent­wi­ckelte ich während meiner Aus­bildung zur Kunst­ku­ra­torin gerade deshalb ein Faible für das Studium der steten, natur­ge­mäßen Inter­aktion einer Person mit ihrer Umgebung.

Der Begriff orts­spe­zi­fisch tauchte zum ersten Mal im Kontext der mini­ma­lis­ti­schen Kunst in den 1960er Jahren auf. Ein Ort wurde auf­grund seiner tat­säch­lichen phy­si­schen Attribute wahr­ge­nommen – Wände, Decke, Licht­ver­hält­nisse oder natür­liche Umgebung, wenn er sich im Freien befand. Beim Plat­zieren eines Kunst­werks oder eines Bau­werks müssen ver­schiedene Para­meter berück­sichtigt werden: Standort, Maßstab und Mate­rialien, aber auch die eher flüch­tigen, atmo­sphä­ri­schen Aspekte. Sind Berge in der Nähe oder ist die Luft von der Mee­res­brise durch­drungen? Wie sieht es hier bei strah­lendem Son­nen­schein oder gar bei Regen und Gewitter aus? Ver­ändert sich das Wesen des Ortes durch das plat­zierte Kunstwerk? Da alles Teil eines grö­ßeren Ganzen ist, ist ein Ort niemals nur die Summe seiner phy­si­schen Attribute – so, wie ein antiker Ort ohne seine Geschichte ein völ­liger anderer wäre. Die Geschichte, Sym­bolik und Iden­tität eines Ortes haben an Bedeutung gewonnen. Die sub­jek­tiven Inter­pre­ta­tionen einer jeden Person, die ihn besucht, haben an Gewicht gewonnen: Ihre Lebens­ge­schichte, ihr Wissen oder ihre his­to­ri­schen Refe­renzen, aber auch die Stimmung des Augen­blicks, das Wetter und sogar jene Men­schen, die sie begleiten, spielen eine bedeutsame Rolle und fügen dem Erlebnis weitere Schichten hinzu. Und schließlich avan­cieren auch die Inten­tionen der­je­nigen Per­sonen, die den Ort schaffen, ihre per­sön­lichen Bezugs- und Stand­punkte zu Kom­po­nenten der Orts­spe­zifik. Das ist das Fas­zi­nie­rende an einem Ort: Er ist so viel mehr als nur ein Ort.

Als Antonis und ich das Cabanon Con­crete Retreat schufen, hatten wir all diese Gedanken im Hin­terkopf. Der phy­sische Rahmen ist Kreta, eine Insel im Mit­telmeer. Die Kulisse ist der Oli­venhain, den Antonis’ Familie mit ihrer Geschichte geprägt hat und der mit der Geschichte der Insel ver­woben ist. Wir mussten uns auch mit Fragen des Tou­rismus und den Erwar­tungen der Gäste aus­ein­an­der­setzen. Was erwarten sie und inwieweit ist das den kre­ti­schen Ste­reo­typen geschuldet? Und schließlich war da noch Antonis’ und mein künst­le­ri­scher Ansatz, der die cabanons zum Kunst­projekt erhob. Wie konnten wir unserem ästhe­ti­schen Emp­finden Form geben, etwas Orts­spe­zi­fi­sches schaffen und das Erleben des Ortes durch die ihn umge­bende Natur und die spek­ta­ku­lären Aus­sicht inten­si­vieren?

Ich liebe Le Cor­busier und seine klaren geo­me­tri­schen Formen, seine offenen, effi­zi­enten Räume, in denen die Form der Funktion folgt. Weder Antonis noch ich mögen das Maßlose, vielmehr haben wir uns dem Slow Living ver­schrieben, dem wahren Mini­ma­lismus, der so viel mehr ist als ein bloßer Designstil. Also kom­bi­nierten wir Le Cor­bu­siers moderne Archi­tek­tur­sprache und Mate­rialien wie rohen Beton, Stahl und Glas mit dem Konzept und der Atmo­sphäre seiner per­sön­lichen kleinen Feri­en­hütte, die er für sich und seine Frau Yvonne in Cap-Martin, direkt über dem fran­zö­si­schen Mit­telmeer, gebaut hatte. Das passt insofern ganz wun­derbar, als die länd­liche kre­tische Land­schaft mit ähnlich anmu­tenden ein­fache Hütten übersät ist, die von Hirten und Bauern als Lager­räume errichtet wurden, in der Regel aus Beton oder anderem bil­ligen und leicht auf­zu­trei­bendem Material. Als wir unsere Hütten bauten, stießen wie bei vielen Ein­hei­mi­schen auf Ver­wun­derung. Sie fragten sich, aus welchem uner­find­lichen Grund wir wohl Lager­räume an der Spitze einer Klippe bauen wollten.

18 Jahre lang ver­brachte Le Cor­busier jeden August in Le Cabanon und lebte den modernen uto­pi­schen Traum vom ein­fachen Som­mer­leben. Seine Hütte besteht aus einem ein­zigen, 3,6 mal 3,6 Meter mes­senden holz­ver­klei­deten Raum, ohne Küche und Wasch­ge­le­genheit im Inneren. Statt­dessen war sie über eine interne Zwi­schenwand mit der Fisch­ta­verne L’Etoile de Mer ver­bunden, die Thomas Rebutato gehörte. Der Klempner aus Italien hatte beschlossen, sein Glück mit einem ein­fachen Restaurant an der Küste zu ver­suchen. Die beiden Männer wurden Freunde, und im Aus­tausch dafür, dass Le Cor­busier Zugriff auf das Grund­stück neben der Taverne erhielt, um Le Cabanon zu bauen, rea­li­sierte er für Rebutato fünf mit­ein­ander ver­bundene Feri­en­hütten. Dieses für den Mit­tel­meerraum typische Ver­hältnis von Geben und Nehmen ver­weist auf das Leben, das Le Cor­busier im Sommer dort genoss. Es ist eine Geschichte, die von end­losen Muße­stunden bei ein­fachen Mahl­zeiten mit Freun­dinnen und Freunden handelt, vom Dösen in der heißen Mit­tags­sonne, vom ohren­be­tö­renden Zirpen der Zikaden und vom Salz auf der Haut. Und von aro­ma­ti­schen Tomaten, die gepflückt werden und direkt in den Mund wandern. Die Beziehung zur Natur und die ganz eigene Bedeutung von Zeit machen klar, auf welche Weise das Mit­telmeer und seine archaische Sze­nerie, die glei­ßende Sonne, die salzige Luft und das authen­tische langsame Leben Rei­sende über alle Jahr­hun­derte hinweg immer wieder zu ver­zaubern ver­mochten.

Le Cor­busier liebte das Mit­telmeer und sein Licht, seine antiken Zivi­li­sa­tionen und die raue Natur. Wir teilen beides mit dem Meister: die Liebe und die Land­schaft. Wir haben das Innere mit dem Äußeren ver­woben und Räume geschaffen, die sich auf das Wesent­liche beschränken und vor allem dazu dienen, die Seele baumeln zu lassen, die Mee­res­brise zu spüren und sich Zeit für das Nichtstun zu nehmen, um neue Inspi­ration zu schöpfen. Ich bin mir sicher, Le Cor­busier wusste um die heilsame Wirkung von Aus­zeiten zwi­schen pro­duk­tiven Phasen.

Die Dinge in unseren cabanons sind einfach. Aber es ist eine Ein­fachheit, aus der echte Erleb­nisse geboren werden. Sie schafft Raum für mensch­liche Begegnung, ermög­licht eine neue Sicht­weise auf das Konzept der Zeit, öffnet Seele und Sinne für die Schönheit des Augen­blicks und den Geschmack einer frisch gepflückten Tomate aus dem Gemü­se­garten. Diese Ein­fachheit lässt exis­ten­zielle Fragen aus der Stille heraus ent­stehen. Du fühlst dich der rauen Natur aus­ge­setzt und tief mit ihr ver­bunden, streckst nachts die Hand nach der Milch­straße aus und grüßt die Schafe, die zu Besuch kommen. Antonis und ich haben gelernt, den Dingen ihre Zeit und ihren Lauf zu lassen, die kleinen Gesten zu schätzen, das Subtile und die Tiefe eines Augen­blicks. Letzt­endlich ist es das, was wir unseren Gästen mit­geben möchten: Wir stupsen sie an und laden sie dazu ein, wahren Luxus zu erleben.

Der grie­chische Künstler Antonis Chou­dalakis und die schwe­dische Kura­torin Sofia Mavroudis schufen ihr Cabanon Con­crete Retreat als bewohn­bares Kunst­projekt. Die mini­ma­lis­ti­schen Hütten kon­zen­trieren sich auf die Erfahrung des Ortes und die Inter­aktion mit der Umgebung.


Text: Sofia Mavroudis. Dieser Beitrag erschien erstmals im Rahmen unserer Buch­ver­öf­fent­li­chung
Raum & Zeit

Fotos: © Sofia Pitidou, Alpha Smoot, Sofia Mavroudis, Dimitris Barounis

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Ein Kommentar

wir waren schon zu Gast dort, es war einer der schönsten Sommer Kretas in diesem wun­der­baren Oli­venhain, das Gast­ge­berpaar ist reizend, die Anfahrt etwas ver­wegen, weil die beiden kleinen Häuser im Hain ver­steckt liegen, was Teil der Qua­lität ist. absolut emp­feh­lenswert!

Eva und Carl sagt:

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